Die Bärenreiter Urtext-Farben

Die Umschläge unserer URTEXT-Ausgaben zeigen ein breites Spektrum von Farben. Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir jedem Komponisten, dessen Werke wir verlegen, eine eigene Farbe zuordnen – oder zumindest fast jedem.
MOZART IST ROT
BACH IST BLAU
… und so weiter.
Oft werden wir gefragt, wie wir diese Farben auswählen.
Die Antwort ist einfach: Wir setzen uns zusammen und diskutieren darüber. Wir überlegen, welche Farben wir mit einem Komponisten und seiner Musik verbinden.
Am Ende setzt sich die Mehrheitsmeinung durch. Dennoch bleibt die Farbwahl subjektiv – sie ist eine Entscheidung des Bärenreiter-Teams.
SCHUBERT IS YELLOW

Welche Farbe ließe sich Schuberts Musik, die von einer solchen Vielfalt und Komplexität geprägt ist, überhaupt zuschreiben?
Es gibt unzählige Momente, in denen Dunkelheit, Verzweiflung und Einsamkeit Ausdruck finden. Und doch setzt sich am Ende oft das Licht durch. Dieses Licht ist nicht immer strahlend oder heiter; häufig handelt es sich um eine spirituelle oder emotionale Aufhellung – ein Gefühl von Trost und Geborgenheit, das Schubert durch seine meisterhafte Harmonik und feinen tonalen Nuancierungen hervorruft.
Genau diese besondere Art von Licht möchten wir in jenem warmen Gelb zum Ausdruck bringen.
SAINT-SAËNS IS VIOLET

Camille Saint-Saëns erlebte ein Jahrhundert tiefgreifender Umbrüche in Europa. Sein langes Leben (1835–1921) umspannte Revolutionen, Kriege sowie die Neuordnung von Staaten und Imperien. Auch sein Privatleben blieb von Schicksalsschlägen nicht verschont: Er verlor seine beiden Söhne, die innerhalb von nur sechs Wochen nacheinander starben. Dennoch hielt Saint-Saëns sowohl die politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen seiner Zeit als auch sein persönliches Leid weitgehend aus seinen Kompositionen heraus. Sein musikalischer Stil zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Ruhe und Beständigkeit aus.
Wir sind der Meinung, dass gerade dieses Gefühl von Gelassenheit und innerem Frieden durch die Farbe Violett vermittelt werden kann.
DVOŘÁK IS ORANGE

Der leidenschaftlichen, „romantischen“ Musik dieses Komponisten lässt sich nur eine warme Farbe zuordnen – allerdings eine mit jener Lebendigkeit und Strahlkraft, die den Elementen der tschechischen Volksmusik mit ihren synkopierten Rhythmen und asymmetrischen Phrasen gerecht wird. Zugleich haftet dieser Musik nichts Artifizielles an; vielmehr vermittelt sie ein Gefühl von Aufrichtigkeit. Sie bewegt sich zwischen Melancholie und Optimismus, zwischen Spiritualität – wie sie im „Stabat Mater“ und im „Requiem“ zum Ausdruck kommt – und Erdverbundenheit, die in den vielen volkstümlichen Anklängen spürbar wird.
Wir haben uns für ein warmes Orange entschieden: die im spätsommerlichen Licht leuchtende Farbe sich verfärbender Blätter, wie Dvořák sie vielleicht in seinem Geburtsmonat September bewundert hat.
DEBUSSY IS SKY-BLUE

Claude Debussy – geboren am 22. August – war ein Kind des Sommers. Viele seiner bekanntesten Werke würden wir eher mit dieser Jahreszeit in Verbindung bringen als mit den dunkleren Monaten des Jahres – allen voran das „Prélude à l’après-midi d’un faune“, aber auch „La Mer“ und „Clair de lune“.
Debussys Musik strahlt oft eine besondere Leichtigkeit und Transparenz aus und ist von luftigem, sinnlichem und atmosphärischem Charakter. Der schillernden Vielfalt seines Œuvres eine einzige Farbe zuzuordnen, mag unmöglich erscheinen. Wenn man sich jedoch für eine entscheiden muss, so erscheint das leuchtende Himmelblau eines Sommertages ziemlich passend.
JANÁČEK IS DARK PURPLE

Janáčeks Musik ist keine „leichte Muse“. Der Komponist strebte nach dem Ausdruck tiefster Emotionen.
Bei der Vertonung von Texten orientierte er sich eng an der gesprochenen tschechischen Sprache, um dem Gehalt der Worte gerecht zu werden. Kurze, prägnante und vielfältig verarbeitete Motive sorgen für eine häufig fragmentierte Struktur und erzeugen Spannung, Dramatik und Unruhe. Dieser Eindruck wird durch die rhythmische Komplexität noch verstärkt: Einerseits entsteht eine große Vitalität, andererseits eine gewisse Kantigkeit und Eigenwilligkeit. Ungewöhnliche Harmonien, schroffe Dissonanzen und unvermittelte Akkordfolgen schaffen eine ganz eigene Expressivität und atmosphärische Dichte. Janáčeks Musik entrückt nicht in himmlische Sphären; vielmehr bleibt sie den irdischen Realitäten eng verbunden.
Eine Farbe, die all dies widerspiegelt? Das kann nur Dunkelviolett sein.
SCHUMANN IS SAGE-GREEN

Schumann war gewiss kein oberflächlicher Charakter, sondern ein reflektierter Mensch, der viel über sich selbst und andere nachdachte. Sensibel und psychisch verletzlich, erlitt er schließlich einen Nervenzusammenbruch. Ist er der archetypische romantische Künstler?
Die Romantiker hatten ein besonderes Verhältnis zur Natur, in der die Farbe Grün eine zentrale Rolle spielt. Schumanns „Waldszenen“ kommen uns dabei sofort in den Sinn.
Ein sattes Grün steht für Erdverbundenheit und seelische Ausgeglichenheit. Doch erscheint es verschleiert, verliert sich diese Gewissheit und wird fragiler.
BACH IS BLUE

Steht Blau nicht für Klarheit und Aufrichtigkeit? Als Grundfarbe vermittelt es zugleich ein Gefühl von Beständigkeit, bewahrt dabei jedoch eine Verbindung zum Himmlischen. In diesem Sinne entspricht es in besonderer Weise der Musik Johann Sebastian Bachs, von der ein großer Teil für sakrale Zwecke geschrieben wurde und die als einer der großen Grundpfeiler der europäischen klassischen Musik gilt.
BRAHMS IS OLIVE-GREEN

Aus Fotografien kennen wir den älteren Brahms als einen gesetzten Herrn mit Vollbart. Er strahlt eine gewisse „Gemütlichkeit“ aus. Und seine Musik ist warm und lyrisch, zugleich aber auch leidenschaftlich und zweifellos von großer Tiefe geprägt. Olivgrün scheint eine passende Wahl für den Mann wie auch für seine Musik zu sein.
MOZART IS RED

Was verbinden wir mit der Farbe Rot? Zunächst kommen Liebe und Leidenschaft in den Sinn. Als eine der Grundfarben steht sie zudem für Lebendigkeit und Klarheit. Doch Rot hat auch eine andere Seite: Es ist die Farbe der Gefahr und der Alarmbereitschaft, eine Farbe, die Aufmerksamkeit verlangt.
Ist Rot nicht eine passende Wahl für Mozarts Musik? Eine Farbe, die sowohl ihre Vitalität als auch ihre Dramatik und Tiefe einfängt. Eine unverwechselbare, singuläre Farbe für einen der herausragendsten Komponisten in der Geschichte der abendländischen Musik.
RAVEL IS LIME-GREEN

Mit der Farbe Limettengrün verbinden wir Frische, Leichtigkeit und Klarheit. Diese Farbe scheint gut zu Ravels Musik zu passen, die all diese Eigenschaften in sich vereint. Atmosphärischer Klangzauber steht neben rhythmischem Drive und atemberaubender Virtuosität. Ravel bewegt sich auf wunderbare Weise zwischen einer gewissen „Kühle und Sinnlichkeit“, wie es der Musikwissenschaftler und Komponist Peter Cahn treffend formuliert.
Manche sagen – und wir stimmen dem nicht unbedingt zu –, Ravels Musik sei reine Oberflächenbrillanz, doch was für eine Oberfläche das ist.