Musiker, Literat und Wissenschaftler
Peter Gülke ist gestorben

Am 26. April ist Peter Gülke, der bedeutende Musikphilosoph, Musikschriftsteller und Dirigent, drei Tage vor seinem 92. Geburtstag gestorben. Für sein Lebenswerk erhielt er neben vielen anderen Ehrungen den Ernst von Siemens Musikpreis und den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Künstlerische Qualität, eine immense denkerische Weite und historische Bildung prägten seine Schriften, in denen er über die Musik vom Mittelalter bis zur unmittelbaren Gegenwart nachgedacht und ihren Geist, ihren Sinn freigelegt hat. Neben einem wegweisenden Buch über Guillaume Dufay stehen Veröffentlichungen zum Mittelalter, Bücher zu Beethoven, Mozart, Schubert, zu Fragen der Interpretation und vielen anderen Themen. „Fluchtpunkt Musik“ heißt eines seiner Werke. Flucht meint dabei keine Bewegung in einengendes L’art pour l’art, sondern das Verstehen des in Kompositionen aufbewahrten Geistes als Fluchtpunkt reflektierten Lebens inmitten gesellschaftlicher Realitäten.
Wie vielfältig diese Realitäten sind, macht ein Blick auf seinen Lebensweg deutlich: Auf die Kindheit in Weimar in Sichtweite Buchenwalds, auf Ausbildung und Studium in Weimar, Jena und Leipzig mit Prägungen durch geistige Größen wie Hans Mayer und Ernst Bloch folgten Dirigententätigkeiten an verschiedenen Stationen in der DDR. Nach einem Gastspiel in Hamburg blieb Gülke 1983 in der Bundesrepublik. Von 1986 bis 1996 war er Generalmusikdirektor in Wuppertal und von 2015 bis 2020 Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker. Dazwischen lehrte er in Freiburg und Basel. Zahlreiche Gastdirigate, CD-Einspielungen und immer wieder Unterricht für junge Dirigenten runden ein prall gefülltes Künstlerleben ab.
Gülke entwickelte sein Schreiben stets vor dem Hintergrund von Erfahrungen als Dirigent und als politisch reflektierender Mensch. Und er praktizierte stets ein freies „Denken ohne Geländer“ auf einem Weg von der Freude am Erklären zum Staunen über das Nichterklärbare.
Das Besondere von Gülkes Schaffen und seiner Persönlichkeit fasste Alfred Brendel einmal in dem Satz zusammen: „Peter Gülke ist der sehr seltene Fall eines praktischen Musikers, der zugleich Musikwissenschaftler ist und dazu ein Literat von hohen Graden.“
Noch im März 2026 ist sein letztes Buch erschienen: „Menschen. Zeiten. Musik“. Darin entwirft Gülke ein Mosaik aus musikalischen Werkporträts, Erinnerungen an bedeutende Musikerinnen und Musiker und Weggefährten, Schilderungen persönlicher Erfahrungen aus der Nazi- und Kriegszeit sowie aus den Jahren in der DDR und später der Bundesrepublik, Gedanken über Literatur und Bildende Kunst und nicht zuletzt die Conditio humana.
Sein schonungsloser Bericht über das eigene Altern und den Tod wichtiger Menschen zeugt von großer Aufrichtigkeit, die sein gesamtes Schaffen und Wirken durchzieht.
Mit Peter Gülke verliert Bärenreiter einen seiner bedeutendsten Autoren, einen großen Denker, Sprachkünstler, Literaten, Musiker, Philosophen und Humanisten – und einen wunderbaren, liebenswerten und liebevollen Menschen.
Mit großer Dankbarkeit blicken wir auf eine jahrzehntelange enge Zusammenarbeit und Freundschaft zurück. Sein Denken, seine Sprache und seine Haltung werden uns fehlen – und uns zugleich weiter begleiten.
Unsere Gedanken sind in diesen Tagen bei seiner Familie und bei allen, die ihm verbunden waren. (Foto: Manu Theobald)